Wenn man aus Tschechien, über Bad Kudowa kommend, die ehemalige
Grafschaft Glatz betritt, erreicht man nach wenigen Kilometern das
heutige Duszniki Zdrój, das früher Reinerz hieß. Dort steht am Ufer der
Weistritz, direkt neben der Straße, jene alte Papiermühle, die zu den
besonderen Sehenswürdigkeiten dieses landschaftlich reizvollen Gebietes
gehört. Zum Papiermachen benötigte man seit jeher klares Wasser, und
das war entscheidend für die Gründung der Papiermühle vor über 400
Jahren. Heute erzeugt die Mühle wiederum handgeschöpftes Büttenpapier.
Sie ist die einzige dieser Art im jetzigen Polen und eine der wenigen
in Mitteleuropa, welche die alte Kunst der Handpapiermacherei ausüben.
Das gut erhaltene Mühlengebäude stammt, wie aus einer Datierung am
steinernen Türsturz und Archivalien hervorgeht, aus dem Jahr 1605.
Damals wurde es nach einem schweren Hochwasser wiederaufgebaut und ist
in dieser Form heute Teil eines frühindustriellen Gebäudekomplexes, der
sich wie selbstverständlich in die Landschaft einfügt. Typisch dafür
sind das alte Glatzer Schindeldach und der dunkle Bretterbau des
Trockenstadels mit seinem reizvollen Kontrast zum historischen
Mauerwerk. Besonders bemerkenswert sind die aus Holz gefertigten
Voluten an der westlichen Giebelseite des Papiermühlengebäudes. Das
ehemalige Wohn - und Produktionsgebäude wird durch einen
Eingangspavillon ergänzt, durch den man heute das Museum betritt.
Im Jahr 1562 verkaufte der bis jetzt erste, namentlich bekannte
Reinerzer Papiermacher Ambrosius Tepper die Papiermühle an den aus
Sachsen gekommenen Nikolaus Kretschmer. Von 1562 bis 1706, also mehr
als 140 Jahre, wurde die Papiermühle von Mitgliedern der Familie
Kretschmer betrieben. Die Mühle besitzt sogar zwei alte Ölgemälde mit
Porträts von Samuel (1640-1656) und Wilhelm Kretschmer (1689-1706).
Der
Papiermacherkunst der Kretschmer verdankte das Papier dieser Mühle
seinen guten Ruf und zählte im17. Jh. zu den bedeutendsten in Schlesien.
Im Jahr 1607 verlieh Kaiser Rudolf II. den Brüdern Gregor und Georg
Kretschmer für ihre hervorragende Arbeit den Adelstitel. 1685 erhielt
Gregors Enkel, Christian Kretschmer, der auch das Bürgermeisteramt der
Stadt Reinerz bekleidete, das Lieferprivileg von Papier für alle
Verwaltungsämter in Breslau. Außerdem besaß er das Lumpenmonopol für
die gesamte Grafschaft Glatz, das nur ihn zum Ankauf der Lumpen
berechtigte und somit die Rohstoffzufuhr sicherte. Christian
Kretschmer, der letzte Papiermacher und Urenkel von Gregor, verkaufte
die Mühle im Jahre 1706 an den aus Friedland in Böhmen stammenden Anton
Heller. Seine Nachkommen betrieben die Mühle bis 1822. Das Handwerk des
Vaters führten der Sohn Anton Benedikt Heller und dessen Schwiegersohn,
Josef Ossendorf, der Ehemann von Antonia Heller, weiter. Auch der
Schwiegersohn der Ossendorf, Jan Leo Königer, war Papiermacher. Die
Kunst des Papiermachens war in der damaligen Zeit ein streng gehütetes
Geheimnis und verblieb deshalb oft in der alleinigen Kenntnis einzelner
Papiermacher - Familien. Daß die damaligen Papiermacher sehr gebildet
und auch kunstverständig waren, können wir Ossendorfs Porträt
entnehmen, auf dem er mit einem Cembalo abgebildet ist.
In der Ära Heller gab es wesentliche technische Neuerungen in der
Papiermühle. So wurde 1719 das unterschlächtige Waserrad durch ein
oberschlächtiges zum Antrieb des Stampfwerkes abgelöst, wodurch man
mehr Produktionsenergie zur Aufbereitung der Hadern gewinnen konnte.
Der erste Holländer in Schlesien, eine moderne Mahlmaschine zur
Bearbeitung der Lumpenfasern, wurde in Reinerz 1737 aufgestellt und
dadurch auch die Produktion erhöht. Zur Ausrüstung des fertigen Papiers
wurden 1742 eine Stampfglätte und 1753 eine Schneidmaschine installiert.
Die Grafschaft Glatz war nach dem Ende des 1. Schlesischen Krieges 1742
an Preussen gefallen und 1748 verpflichtete sich Anton Benedikt Heller,
nunmehr für die preussischen Behörden hochwertiges Papier, vergleichbar
holländischer und französischer Qualität, herzustellen. Es gelang ihm,
sowohl in der Qualität als auch im Preis den Erwartungen gerecht zu
werden, wofür er 1750 mit dem Titel eines Hofpapiermachers
ausgezeichnet wurde. Auch sein Schwiegersohn Josef Ossendorf erhielt
diese Auszeichnung.
Infolge der Napoleonischen Kriege kam zu Anfang des 19. Jh. die
Papierproduktion weitgehend zum Erliegen 1822 verkaufte Jan Leo
Königer, der letzte Besitzer aus der Familie Heller, die Mühle im Wege
der Versteigerung an den aus Frankenstein in Niederschlesien stammenden
Müllermeister Josef Wiehr, dessen Nachfahren sie bis ins Jahr 1939
besaßen. In der Reinerzer Mühle hielt man bis zum Anfang des 20. Jh. an
der handwerklichen Büttenpapierherstellung fest, während bereits viele
andere Papiermühlen in der zweiten Hälfte des 19. Jh. ihre Produktion
modernisierten und Papiermaschinen aufstellten. 1905 nahm auch Karl
Wiehr die Maschinenpapier und Pappenproduktion auf. Doch auch durch
diese Maßnahme schaffte er den Anschluß an die bereits weit
vorangeschrittene technische Entwicklung nicht mehr und der Betrieb
wurde auf Grund der sich immer mehr verschlechternden finanziellen
Situation 1937 aufgegeben. 1939 wurde schließlich dieses bedeutende
deutsche. Industrie - und Baudenkmal an die Stadt Reinerz übergibt.
Damals schon bestand der Wunsch des letzten Besitzers, die Papiermühle
in ein technisches Museum umzuwandeln.
Es sollte noch rund dreißig Jahre dauern, bis jener Wunsch, der auch in
der zeitgenössischen papierhistorischen Fachliteratur zu finden ist, in
Erfüllung ging. Dazwischen lag ein schrecklicher Krieg, der 1945 zur
Abtretung Schlesiens und der Grafschaft Glatz an Polen führte.
1968 ergriff die polnische Papierindustrie die Initiative und richtete
in dem historischen Gebäude der alten deutschen Papiermühle ein
Papiermuseum ein.
Zu den kärglichen Restbeständen der Mühle, die aus
Klammerhängetrocknern für Pappe und einigen Handschöpfformen aus dem
19. Jh. bestanden, wurden im Verlauf der Jahre die verschiedensten
Objekte der alten Papiermacherei, besonders aber frühe Prüfgeräte für
die Qualitätsbeurteilung von Papier, gesammelt und werden in einer
ständigen Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert.
Als besonders wertvoll kann man auch die durch die Jahrhunderte erhaltenen Portraits der Mühlenbesitzer bezeichnen.
Schließlich wurden bei Renovierungsarbeiten Ende der Sechzigerjahre im
2. Obergeschoß Wand-und Deckenmalereien aus dem 17. und 19. Jh.
entdeckt. Diese Malereien sind auch dadurch kunsthistorisch besonders
bemerkenswert, da sie auf Holzuntergrund an der Kassettendecke und den
Wänden ausgeführt sind. Die Malerei wurde 1985-87 vorbildlich
restauriert.
Um die ehemalige Papiermühle in ihrer ursprünglichen Funktion wieder
lebendig werden zu lassen, wurde 1971 mit dem Handschöpfen begonnen.
Heute wird handgeschöpftes Büttenpapier, bisher auf Zellstoff-Basis,
hergestellt und die Handpapiermacherei ist gleichzeitig ein
ökonomischer Zweig des Museums, aus dem etwa Drittel des Gesamtbudgets
aus eigener Kraft erarbeitet wird.
Die Papiermacher - Abteilung ist im Untergeschoß des Mühlengebäudes
eingerichtet, wo sie sich auch seit eh und je befand. Sie umfaßt einen
Holländer zur Zellstoffmahlung, zwei Schöpfbütten und Naßpressen.
Das klare Gebirgswasser von Reinerz ist nach wie vor der Garant für
hochwertiges Büttenpapier. Wir fertigen je nach Bedarf Aquarellpapiere,
Druck-, Zeichen - und Schreibpapiere bis zum Format DIN A2.
Sonderwunsche, wie eigene Wasserzeichen nach Angabe, Idee oder Vorlage
des Kunden, werden gerne entgegengenommen. Attraktive künstlerische
Papiere mit Blumen und Kräutern aus der Umgebung werden ebenso
hergestellt wie Poesiealben und Galanteriewaren.
In der eigenen Druckerei mit Handsatz können Visitenkarten, Briefpapier und anderes bis zum Format DIN A3 gedruckt werden.
Wir hoffen, daß Ihnen unsere alte Papiermühle, die in der Kontinuität
handwerklichen Geschicks arbeitet, gefällt und laden Sie ein, sich im
Verkaufsraum unseres Museums umzusehen.
Einen interessanten und informativen Besuch in der Papiermühle von
Reinerz wünschen Ihnen die Museumsleitung und ihre Mitarbeiter!
Text: dr Gottfried Schweizer